Lufthansa will sich mit bequemen Business Class Sitzen auf Mittelstrecken wagen

ITA Airways Premium Economy Class im Airbus A321LR, Foto: Robert

Eigentlich steht die Business Class für hohen Komfort und einen überdurchschnittlichen Service. Die Fluggesellschaften lassen sich dieses Produkt entsprechend bezahlen. Auf der Kurz- und Mittelstrecke sieht das zumindest in Europa jedoch meist anders aus: Passagiere sitzen auf regulären Economy-Class-Sitzen, lediglich der Mittelsitz bleibt frei. Mehr Beinfreiheit, eine ordentlich verstellbare Rückenlehne oder gar eine Liegeposition gehören nicht zum Standard. Lufthansa könnte daran bald etwas ändern.

Das Wichtigste auf einen Blick:

✈️ Business Class in Europa bietet bislang meist nur mehr Service, aber kaum zusätzlichen Sitzkomfort.
🪑 Eurowings testet breitere Business-Class-Sessel auf längeren Mittelstrecken.
🔍 Lufthansa prüft eine Übernahme des Konzepts für ausgewählte Routen.

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Business Class in Europa: Mehr Service, kaum mehr Komfort

Wer innerhalb Europas Business Class fliegt, kauft in erster Linie zusätzlichen Service in Form von besserem Catering, kostenlosen Getränken, Priorität und Loungezugang am Boden sowie eine höhere Meilengutschrift. An der Hardware an Bord ändert sich jedoch kaum etwas, die Sitze sind identisch mit denen der Economy Class. Dieses Konzept hat sich in Europa über Jahre etabliert und erlaubt den Airlines maximale Flexibilität bei der Kabinenkonfiguration.

Ein Blick in die anderen Märkte zeigt allerdings, dass es auch anders geht. In Nordamerika oder Asien werden selbst auf Inlands- und Mittelstrecken mit Schmalrumpfflugzeugen häufig deutlich komfortablere Business- oder First-Class-Sitze eingesetzt. Hintergrund sind zwar die meist längeren Flugzeiten, die Kunden haben aber auch andere Erwartungen und mitunter auch eine andere Zahlungsbereitschaft.

Cathay Pacific Regionale Business Class in der Boeing 777, Foto: Robert

Eurowings testet, Lufthansa beobachtet

Das Argument mit den kürzeren Flugzeiten stimmt nur bedingt, viele Gesellschaften fliegen auch Routen von fünf bis sechs Stunden mit einem solchen Business-Class-Produkt. Lufthansa hat u.a. Amman, Kairo, Tel Aviv oder Tiflis im Netz, zum Einsatz kommen Jets aus der Airbus A320-Familie. Tochter Eurowings reizt die Reichweite der Airbus A320neo voll aus und jettet damit sogar bis nach Dubai.

Genau diese Flüge dienen bereits als Testfeld, Eurowings erprobt seit Ende 2025 neue Business-Class-Sitze auf ausgewählten Strecken. Dabei handelt es sich um deutlich breitere Sessel, die in einer 2-2-Anordnung verbaut wurden. In den ersten beiden Reihen haben die Fluggäste deutlich mehr Platz, stärker verstellbare Rückenlehnen und integrierte Beinstützen. Um hier Platz nehmen zu dürfen, muss man ein Ticket der regulären „BIZ Class“ kaufen und einen Aufpreis in Höhe von mehreren Hundert Euro bezahlen.

Eurowings Premium BIZ Class. Foto: Eurowings

Lufthansa will nachziehen

Nun deutet sich an, dass auch Lufthansa selbst einen ähnlichen Schritt plant. Konzernchef Carsten Spohr stellte intern in Aussicht, echte Business-Class-Sitze auf ausgewählten Mittelstrecken einzuführen. Laut Handelsblatt kündigte er an, dasselbe mit Lufthansa zu machen, was man bei Eurowings eingeführt hat. Geplant sei ebenfalls der Einbau von zwei Sitzreihen.

Parallel sammelt der Konzern weitere Erfahrungen bei ITA Airways. Dort kommen im Airbus A321LR vollwertige Business-Class-Sitze im 1-1-Layout zum Einsatz, die sich in eine vollständig horizontale Liegefläche verstellen lassen. Dieses Produkt gilt als hochwertig, ist jedoch auch deutlich komplexer und flächenintensiver – und laut Spohr bislang wirtschaftlich defizitär. In den Maschinen sind auch 12 Premium-Economy-Sitze in drei Reihen installiert, die sich abgetrennt zwischen der Business- und Economy Class befinden.

ITA bietet das hochwertige Produkt überwiegend auf kürzeren Langstrecken an, die besagten LR-Flugzeuge fliegen u.a. nach Mittelafrika und in den Nahen Osten. Bei ITA verdient man aber damit aktuell kein Geld. Bei Lufthansa würde sich die Rechnung auch von jener bei Eurowings oder ITA Airways unterscheiden. Während Eurowings das Produkt vor allem Punkt-zu-Punkt verkauft, spielt bei Lufthansa der Zubringerverkehr eine zentrale Rolle. Auf mittellangen Strecken in den Nahen Osten mit vier bis fünf Stunden Flugzeit gibt es einen hohen Anteil an Umsteigern mit Langstrecken-Business- oder First-Class-Tickets.

Lufthansa will sich mit bequemen Business-Class-Sitzen auf Mittelstrecken wagen | Frankfurtflyer Kommentar

Hat ein komfortableres Business-Class-Produkt auf Mittelstrecken in Europa eine Chance? Die meisten Airlines scheuen den massiven Kapazitätsverlust und die hohen Investitionen eines Full-Flat-Konzepts. Man könnte meinen, dass die meisten Kunden nicht bereit sind, die höheren Preise dafür zu bezahlen. Aber eigentlich kann man das auch gar nicht so sicher beurteilen, denn oft fehlt einfach ein entsprechendes Angebot.

Die bei Eurowings getesteten breiten Sessel könnten ein realistischer Kompromiss zwischen Economy-Sitz und Flatbed sein. Lufthansa tastet sich vorsichtig an ein solches Produkt heran, noch wertet man Erfahrungen bei Eurowings und ITA aus, bevor größere Investitionsentscheidungen getroffen werden. Die Nachteile bleiben, eine solche Subflotte schränkt die Flexibilität ein, die Konfiguration kann nicht mehr von Flug zu Flug an die Nachfrage angepasst werden.

2 Kommentare

  1. Weitere Segmentierung.
    Gleiches Prinzip wie bei den Business Suiten in Allegris.
    Es bleibt abzuwarten, ob der Preisaufschlag angenommen wird.
    Und klar, für höheren Meileneinsatz wirds auch buchbar sein.

    Wenn die Kabine mit diesen Sitzen nicht abgetrennt sein wird, hat es aus meiner Sicht wenig Mehrwert. Allein das rumgelaufe zum WC vorne wird keine Executive Stimmung aufkommen lassen 🙂

    Ich bin letztes Jahr AirCanada in 738-Max mit wirklich sehr schöner Business Class geflogen. Gute Sitze und vor allem ruhige, abgetrennte Kabine vorne.

  2. Nicht nur in Nordamerika und in Asien kommt auf Schmalrumpfflugzeugen eine „richtige“ Business Class zum Einsatz, sondern überall auf der Welt außer in Europa. Selbstverständlich ginge dies auch in Europa, aber die Fluggesellschaften wollen nicht. Für sie hat sich aktuelle Konzept mit den Eco-Sitzen und dem geblockten Mittelsitz bewährt. Da innerhalb Europas niemand Besseres bietet und somit kein Konkurrenzdruck besteht, gibt es für die europäischen Airlines auch keinen Bedarf, an ihrem Angebot etwas zu ändern. Auf Mittelstrecken hingegen gibt es Konkurrenz. Daher ist zu hoffen, dass Lufthansa und auch andere europäische Airlines dort zumindest Reclinersitze anbieten werden.

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