Ich reise gerne, oft und viel, nutze jede Gelegenheit dafür und manchmal geht es mehr um den Weg, als um das Ziel: Fliegen! Ich liebe es zu fliegen und das verbindet uns alle hier. Und wenn ich nicht gerade Urlaub mache, fliege ich auch. Denn diese Leidenschaft ist mein Beruf und ich kenne dadurch auch den Blick von der anderen Seite. Diese Sicht möchte ich an dieser Stelle gerne mit Euch teilen. Heute geht es bei Ask the Flight Attendant um eine der begehrtesten Immobilien an Bord: das Gepäckfach über dem eigenen Sitz.
Das Boarding läuft, die ersten Passagiere sitzen bereits, die nächsten stehen mit ihren Trolleys im Gang. Dann kommt jemand zu seinem Platz, schaut nach oben und stellt erschrocken fest: Das Gepäckfach ist schon voll. Dann gab es auch schon Sprüche wie
„Wem gehört der Koffer hier? Ich sitze doch hier!“ oder einmal sogar: „Da liegt schon ein Koffer in meinem Gepäckfach.“
Das Problem: Das Gepäckfach über dem eigenen Sitz gehört einem eigentlich gar nicht. Mit der Reservierung von 21A kauft man zunächst einmal einen Sitzplatz und nicht automatisch den Stauraum darüber. Die Gepäckfächer werden gemeinschaftlich genutzt und je nach Flugzeug, Auslastung und Menge des Handgepäcks kann die eigene Tasche am Ende durchaus ein paar Reihen weiter vorne oder hinten landen.
Dabei kann ich den Wunsch sehr gut verstehen, das eigene Gepäck möglichst in der Nähe zu haben. Mir ist es ja auch als Crewmitglied lieber, wenn Trolley und Besitzer nicht über das halbe Flugzeug verteilt werden. Da haben wir es schon wieder…das leidige Thema Handgepäck.
Am besten über dem eigenen Sitz?
Ich selbst mache es als Passagier übrigens meistens anders. Wenn möglich, kommt mein Handgepäck aus mehreren Gründen unter den Vordersitz – es sei denn ich bin in der ersten Reihe.
Ich sitze gerne am Fenster und mir fällt während eines Fluges fast immer noch irgendetwas ein, was ich aus meiner Tasche brauche. Kopfhörer, Wasserflasche, Ladekabel oder irgendetwas anderes, an das ich natürlich erst denke, nachdem sich meine beiden Sitznachbarn eingerichtet haben. Liegt die Tasche oben, müsste ich jedes Mal meine Nachbarn stören und aufstehen lassen.
Natürlich funktioniert das nicht immer. Bei einem größeren Trolley oder auch Sitzplätzen am Notausgang muss das Handgepäck nach oben. Dann verstaue ich meine Tasche am liebsten im Gepäckfach über der gegenüberliegenden Sitzreihe. So kann ich vom Sitz aus sehen, wenn jemand das Fach öffnet und an den Taschen hantiert. Direkt über meinem Kopf wäre aus meiner Sicht also gar nicht unbedingt der beste Platz.

Möglichst in der Nähe ist trotzdem sinnvoll
Das bedeutet allerdings nicht, dass es völlig egal ist, wo das Gepäck landet. Besonders ungünstig ist es, wenn ein Koffer mehrere Reihen hinter dem eigenen Sitz verstaut wird. Während des Fluges ist das meistens kein Problem, spätestens nach der Landung aber schon.
Die Passagiere stehen auf und bewegen sich Richtung Ausgang. Gleichzeitig möchte jemand aus Reihe 12 noch einmal zurück in Reihe 17, weil dort sein Trolley liegt. Das funktioniert ungefähr so gut, wie man sich das vorstellt. Ein Gepäckstück ein paar Reihen vor dem eigenen Sitz zu verstauen, ist daher meistens die bessere Lösung. Beim Aussteigen kommt man ohnehin daran vorbei.
Auch für uns Flugbegleiter ist es daher nicht völlig egal, wo wir einen Koffer unterbringen. Nur lässt sich beim Boarding eben nicht immer die perfekte Lösung finden. Das eigentliche Problem beginnt häufig an einer ganz anderen Stelle.
Trolley, Rucksack, Mantel, Handtasche …
Ein Passagier kommt an Bord und verstaut seinen Trolley im Gepäckfach. Daneben kommt der Rucksack. Dann die Jacke. Die Handtasche soll natürlich auch nicht auf den Boden und die Duty-Free-Tüte findet oben ebenfalls noch ein gemütliches Plätzchen.
Damit kann ein einziger Passagier schnell einen erheblichen Teil eines Gepäckfachs belegen. Solange der Flug halb leer ist, interessiert das niemanden. Auf einem ausgebuchten Airbus A320 sieht die Sache etwas anders aus. Dann beginnt für uns das große Tetris-Spiel.
Jacken werden wieder herausgenommen, kleine Taschen sollen unter den Vordersitz, Trolleys werden gedreht und Gepäckstücke verschoben. Bei neueren und größeren Gepäckfächern lassen sich Rollkoffer häufig hochkant nebeneinander stellen. Das schafft erstaunlich viel Platz – vorausgesetzt, sie werden auch entsprechend eingeräumt.
Das machen wir nicht, um Passagiere zu ärgern oder weil wir besonders gerne fremde Koffer anfassen. Irgendwann müssen einfach alle Taschen verstaut, die Fächer geschlossen und der Gang frei sein, schließlich läuft die Uhr.

Handgepäck kann das Boarding ordentlich ausbremsen
Über das Boarding habe ich an dieser Stelle schon einmal ausführlich geschrieben. Fluggesellschaften haben vermutlich jede erdenkliche Variante ausprobiert, um Passagiere möglichst schnell in ein Flugzeug zu bekommen. Fensterplätze zuerst, Boardinggruppen, hintere Reihen zuerst, Einstieg über zwei Türen oder irgendwelche ausgeklügelten Reihenfolgen. Es wurden sogar Mathematiker damit beschäftigt, den perfekten Einsteigevorgang zu entwickeln.
In der Praxis scheitert manches ausgeklügelte Konzept spätestens am Handgepäck. Ein Passagier bleibt im Gang stehen, weil über seinem Sitz kein Platz mehr ist. Der nächste kann deshalb nicht vorbei. Wir suchen ein freies Fach, räumen Taschen um und bitten jemanden, den kleinen Rucksack unter den Sitz zu stellen. Währenddessen warten dahinter 20 oder 30 weitere Menschen.
Aus einem einzigen Trolley entsteht dann ein kleiner Stau. Wenn dann noch die Grundsatzdiskussion beginnt, wem das Gepäckfach eigentlich gehört, gute Nacht.
„Aber ich sitze doch hier!“
Ganz abwegig ist der Gedanke ja nicht. Wenn über Reihe 10 ein Gepäckfach eingebaut ist, liegt die Vermutung nahe, dass dieses auch für die Passagiere in Reihe 10 vorgesehen ist. Ein exklusives Nutzungsrecht ergibt sich daraus aber nicht.
Problematisch finde ich die Angewohnheit, dass manche Passagiere vorne einsteigen, ein schönes leeres Gepäckfach sehen und ihren Trolley dort hineinstellen – obwohl sie selbst noch 20 Reihen weiter nach hinten müssen. Sehr praktisch. Zumindest für den Besitzer des Koffers. Wer später in der betreffenden Reihe sitzt, darf sich dann auf die Suche nach einem anderen Platz machen.
Es gibt inzwischen auch eine Möglichkeit, mit der man sagen kann: „Das ist mein Gepäckfach!“ Condor bietet nämlich auf eigenen Flügen die Möglichkeit, ein persönliches Gepäckfach zu reservieren. Das gibt es laut Homepage ab 4,99 Euro und kann vor der Reise oder beim Online Check-in gebucht werden. Das ausgewählte Fach wird auch auf der Bordkarte vermerkt. Damit ist der Platz dann auch wirklich reserviert. Business-Class- und Premium-Economy-Passagieren sowie Reisenden am Notausgang oder hinter Trennwänden steht laut Condor ohnehin ein Gepäckfach zur Verfügung.

Und was bringt dann Priority Boarding?
Business-Class-Passagiere, Statuskunden und Reisende mit Priority Boarding dürfen früher ins Flugzeug. Dabei geht es nicht nur ums Handgepäck, trotzdem ist der so gut wie sichere Platz für den Trolley ein ziemlich angenehmer Nebeneffekt. Wer früh einsteigt, hat eine größere Auswahl an freien Gepäckfächern. Wer als einer der letzten Passagiere in ein ausgebuchtes Flugzeug kommt, muss dagegen damit rechnen, dass der eigene Trolley nicht mehr direkt am Sitz untergebracht werden kann oder im schlimmsten Fall noch am Gate beziehungsweise an der Flugzeugtür abgegeben werden muss.
Priority Boarding reserviert also auch kein bestimmtes Gepäckfach. Praktisch erkauft man sich damit aber durchaus eine bessere Chance auf einen guten Platz für das Handgepäck.
Haben die Airlines das Problem selbst geschaffen?
Die Menge an Handgepäck hat in den vergangenen Jahren nicht unbedingt abgenommen. Das ist wenig überraschend. Bei vielen Tarifen ist der aufgegebene Koffer längst nicht mehr inklusive. Also versuchen Passagiere möglichst viel mit in die Kabine zu nehmen.
Gleichzeitig verkaufen Fluggesellschaften unterschiedliche Handgepäckoptionen, Priority Boarding und Tarife mit verschiedenen Gepäckleistungen. Je nach Airline darf ein Trolley kostenlos mit, kostet zusätzlich oder muss aufgegeben werden. Die Flugzeughersteller haben ebenfalls reagiert. Moderne Gepäckfächer sind teilweise erheblich größer als früher und können deutlich mehr Trolleys aufnehmen.
Nur lässt sich der Platz eben nicht beliebig vermehren. Wenn fast jeder Passagier einen Rollkoffer mitbringt, zusätzlich Rucksäcke, Handtaschen, Einkäufe und Jacken an Bord kommen und der Flug bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, kann es eng werden.

Ask the Flight Attendant ✈ Frankfurtflyer Kommentar
Nein, das Gepäckfach über meinem Sitz gehört mir nicht. Aber es gibt wirklich Menschen, die genau das denken. Man kann immer wieder beobachten, wie jemand seine Sachen einräumt, die Klappe schließt, sich hinsetzt und denkt: Jetzt kann’s losgehen, nach mir die Sintflut. Wenn da noch jemand kommt und das Fach öffnet, gibt es böse Blicke oder gar eine ungehobelte Diskussion.
Dann müssen wir Flugbegleiter eingreifen, schlichten und etwas umräumen. Ein Trolley passt gedreht noch hinein, die Jacke muss kurz wieder heraus oder die Tasche landet zwei Reihen weiter vorne. Meistens findet sich irgendwie eine Lösung. Aber es kostet unnötig Zeit. Ich bin ja überzeugt davon, dass 200 Menschen in 10 Minuten boarden können. Das geht aber nur mit Disziplin oder ganz ohne Handgepäck. In Japan habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass es funktioniert:
Wenn 20 Minuten Boarding für fast 400 Passagiere reichen | Review: Japan Airlines A350
Was wolltet Ihr einen Flugbegleiter schon immer mal fragen? Stellt uns die Fragen in den Kommentaren!
Ask the Flight Attendant ✈ Gesammelte Werke:
- Das Gepäckfach über meinem Sitz gehört doch mir, oder?
- Barfuß auf dem Flugzeugklo?
- Was sind beliebte und was unbeliebte Ziele
- Was Stewardessen nicht dürfen
- Piloten & Flugbegleiter – Zwei Welten auf engstem Raum
- Seniorität
- Sind Sie schwanger? – Peinliche Erlebnisse mit Fluggästen
- Drücken oder nicht drücken?
- Wenn ich Passagier wäre, dann…
- Emergency!
- Männerdutt & Turnschuhe – die neue Generation an Bord
- Notlandung
- Das Crewrest
- Der Dienstplan
- Was wir über unsere Passagiere wissen
- Handgepäck
- Können Piloten auch Kaffee kochen?
- Ansagen (Teil 2: Lustig)
- Eure Fragen
- Corona. Und nun?
- Live-Demo
- Warum muss ich die Sonnenblende öffnen?
- Wo arbeite ich heute- Economy oder Business?
- Bordservice
- Ansagen (Teil 1: seriös)
- Boarding
In meiner Zeit als FB hab ich dann immer den passenden Spruch für die ungehobelten Paxe parat gehabt:
„Ach..Sie denken also, daß dies IHR persönliches Gepäckfach ist?? Diese Maschine hat 164 Sitzplätze…sehen Sie hier irgendwo 164 Gepäckfächer??“
Dann war meistens Ruhe im Karton…
Uwe, Du bist „mein Held“.
Es wäre schon sehr hilfreich, wenn die Limits für das Handgepäck, insbesondere in Economy, eingehalten würden. Bedingt vielleicht eine aufmerksame Kontrolle am Gate. Besonders dreist sind die Passagiere aus Economy, die beim Boarding ihr Gepäck vorne in der Business ablegen und dann, als wäre nichts geschehen, weiter nach hinten durchgehen.
Alles richtig und „nett“ beschrieben. Aber wo ist die Sicht der Vielflieger, wo die Empathie? Ich ärgere mich immer, wenn ich aufgrund einer Short-Connection später einsteigen konnte und die Business Class leer ist, aber keine Stauraum mehr verfügbar. Oder was nützt mir der Limousinentransfer, wenn mein Gepäck 10 Reihen hinter meinem Notausgangssitz ist und ich als letzter aussteigen kann. Ich bewundere mit welcher Ignoranz die LHA, solche Bedürfnisse ignoriert, während anderen Airlines der Gruppe dort FB positionieren, welche ein Auge haben.
Ich habe grundsätzlich eine leichte Umhängetasche zusätzlich zum Trolley mit dabei und darin ist alles, was ich während eines „normalen“ Fluges brauchen würde, zusätzlich für „unnormale“ Flüge auch noch u.a. eine Atemschutzmaske.
So kommt der Trolley oben hin und die kleinere Tasche unter den vorderen Sitz.
Ich bin sehr froh, wenn ich möglichst früh einsteigen kann um meinen Trolley über mir zu platzieren.
Derzeit darf ich mit Gruppe 1 einsteigen. Wenn das wieder vorbei ist dann hilft mir mein Schwerbehinderttenausweis meist zum Einsteigen am Beginn des Boardings. In Brasilien z.B. reicht sogar schon mein Alter 🙂
Ich sitze wenn möglich nie in Reihe 1 oder in der Notausgangsreihe, denn abgesehen davon, dass diese Sitze bei einem eventuellen „Vorfall“ zu den unsichersten gehören, so darf ich dort keine Tasche bei mir haben. Und die Overhead Bins der Reigen 1 und 2 sind meist voll mit Crew Sachen…
Es ist ein lästiges und leidiges Thema. Wir sind als Familie mit 2 kleinen Kindern dazu übergegangen, unsere regelmäßigen Flüge MUC-ATH zu reduzieren und dafür Business zu buchen. Uns regen diese Koffer-Tetris-Origien einfach auf, zumal wir mit kleinen Kindern ums Handgepäck (noch) nicht rumkommen.
Es gibt mit Sicherheit immer diese „Profis“ die ihren halben Hausstand im Handgepäck dabei haben müssen. Aber insbesondere bei Kurz- und Mittelstrecken wie MUC-ATH eine ist, wäre es sicher hilfreich, wenn bei einem Roundtrip der Koffer das Ticket nicht gleich mal um 50% teurer macht.
Ach ja, und im Schnitt eine Stunde warten, bis der Koffer in MUC Terminal 2auf dem Gepäckband landet, hilft auch nicht.
Danke für den Einblick Robert, bei “ Es wurden sogar Mathematiker damit beschäftigt, den perfekten Einsteigevorgang zu entwickeln.“ musste ich spontan an eine Folge der Mythbusters denken, die sich dem Problem vor zig Jahren auch schon mal angenommen hatten…